Geistlicher Impuls

 

September   Oktober

Die Psalmen in der Bibel heißen auf Hebräisch „Preisungen", Loblieder, und viele von ihnen führt die Überlieferung auf David zurück. Was von König David geblieben ist, ist kein großes Reich. Geblieben sind seine Loblieder, das „Textbuch" für den Chor der Heiligen.

Ich habe nicht den Zauber des biblischen David. Wenn ich Gott lobe und von ihm spreche, klingt es viel weniger schön als in den Psalmen der Bibel. Ich habe nicht die Worte zum Loben, ich habe nicht das Leben, dass mein Lob meine Liebe zu Gott zum Ausdruck bringt, ich habe nicht den Glanz in den Augen, den vielleicht Mutter Teresa hatte, bei mir spürt man nicht die Liebe wie bei ihr, wenn sie mit den Kranken sprach, ich habe nicht die überirdische Kraft eines Märtyrers, der Gott unter Qualen weiter lobt, ich habe nicht die große musikalische Begabung, um Gott einen großen Halleluja-Psalm zu komponieren – ich habe ein ganz kleines behindertes Lob. Wie ein Einjähriger, der nur einzelne Worte sagen kann. Aber was ich kann und was ich will, ist dabei sein. Wie die Einjährigen. Die wollen auch dabei sein, wenn die größeren Kinder jubeln. Die plappern nach, die bilden die Worte falsch im Mund und müssen ihren größeren Geschwistern auf die Lippen schauen – aber das wenigstens will ich. Mein kleines Lob, mein Gelalle mit dem großen Lob der Heiligen verbinden.

Wenn sie Halleluja rufen, einfach mitmachen, die Worte ihnen nachformen, und ihrem Blick folgen – und dann Gott schauen.

Aus: Heiner Wilmer SCJ (erwählter Bischof von Hildesheim): Gott ist nicht nett. Ein Priester auf der Suche nach dem Sinn, 2013, 162.

 

 

Der Rosenkranz: Weg zur Aufnahme des Geheimnisses

Der Rosenkranz stellt die Betrachtung der Geheimnisse Christi mit einer charakteristischen Methode vor, die auf eine Erleichterung ihrer Zueigenmachung ausgerichtet ist. Diese Methode beruht auf der Wiederholung. Dies gilt insbesondere für das Ave Maria, welches in jedem Gesätz zehnmal wiederholt wird. Bei einer oberflächlichen Betrachtung dieser Wiederholungen könnte man versucht sein, das Rosenkranzgebet als eine trockene und langweilige Frömmigkeitsform anzusehen. Zu einer ganz anderen Einschätzung hingegen gelangen wir, wenn wir dieses Gebet als Ausdruck einer Liebe betrachten, die nicht müde wird, sich der geliebten Person zuzuwenden. Obschon ähnlich in der Ausdrucksform, ist dabei das Ausströmen der Liebe wegen der Gefühle, die es durchdringt, stets neu.

In Christus hat Gott wirklich ein menschliches Herz angenommen. Er hat nicht nur ein göttliches Herz, reich an Barmherzigkeit und Vergebung, sondern auch ein menschliches Herz, fähig zu allen Gefühlsregungen. Sollten wir dazu einen Belegtext aus dem Evangelium benötigen, würde es nicht schwerfallen, diesen im bewegenden Gespräch Christi mit Petrus nach der Auferstehung zu finden: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?". Dreimal stellt der Herr die Frage, dreimal erfolgt die Antwort: „Herr, du weißt, dass ich dich liebe!" (vgl. Joh 21, 15-17). Über die spezifische Bedeutung dieses Abschnitts für die Sendung des Petrus hinaus, kann niemandem die Schönheit dieser dreifachen Wiederholung entgehen, in der sich die drängende Frage und die entsprechende Antwort in einer Weise ausdrücken, die die allgemeine Erfahrung menschlicher Liebe widerspiegeln. Um den Rosenkranz richtig zu verstehen, müssen wir in die psychologische Eigendynamik der Liebe eintreten.

Eine Sache ist klar: wenn sich die Wiederholung des Ave Maria direkt an Maria wendet, dann richtet sich der Akt der Liebe mit ihr und durch sie schließlich an Jesus. Die Wiederholung nährt sich aus dem Verlangen nach einer immer vollkommeneren Gleichgestaltung mit Christus, dem wahren „Programm" des

christlichen Lebens. Der heilige Paulus hat dieses Programm mit flammenden Worten dargelegt: „Für mich ist Christus das Leben, und Sterben ein Gewinn" (Phil 1, 21). Nochmals: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2, 20). Der Rosenkranz hilft uns, auf dem Weg des Gleichförmig-Werdens mit Christus dem Ziel entgegenzuwachsen, das in der Heiligkeit besteht.

(aus: Hl. Papst Johannes Paul II.: Apostolisches Schreiben "Rosairum Virginis Mariae" vom 16. Oktober 2002)