Geistlicher Impuls

 

November   Dezember

Das Ideal der christlichen Heiligkeit ist ein maximales und deshalb ein unüberholbares. Eine andere Frage ist, wie es heute ergriffen werden kann und soll. Doch wohl weiterhin in der Vielfalt der Charismen, die Gott Seiner Kirche schenkt. Warum zum Beispiel sollte eine Sendung zum Leiden in der Kreuzesnachfolge überholt oder weniger aktuell sein? Und ganz nah dieser Sendung steht jene zur echten Kontemplation, etwa im Sinn des Karmels, wobei Kontemplation die Einsenkung der ganzen Existenz in das Mysterium Christi, die Enteignung des ganzen Lebens in die Verfügung durch Gott besagt. Vielleicht gibt es solcher Sendungen nicht so viele, wie das Mittelalter gemeint hat: vielleicht wird die Zahl der kontemplativen Klöster sich verringern. Aber entbehrlich sind sie deswegen nicht; Therese von Lisieux hat es uns immer wieder gesagt. Vom Gebet und Opfer der Kontemplativen sollen und werden weiterhin alle Aktiven, Priester wie Laien, leben.

Möglich ist, dass die Heiligen heute tiefer in die Verborgenheit gehen als in früheren Zeiten. Die heutige Kirchenarchitektur will keine Bilder mehr sehen, die Heiligen werden vergessen, ihre Feste wurden verwirrend verschoben, ihre Gemeinschaft und Vermittlung bleibt unbenützt. Heiligsprechungen gibt es zwar noch, sind aber kaum noch ein weithallendes Ereignis. So gehen die Heiligen eben in den Untergrund, für eine Zeit wenigstens. An ihrer eigenen Verehrung liegt ihnen nichts. Würde durch ihr Verschwinden Gott wirklich tiefer geliebt und besser verehrt, so wäre gerade dies ihnen recht. Fraglich bleibt, ob wir ohne ihr Licht Gott heller sehen; ich denke nicht! Wir werden es neu auf den Scheffel stellen müssen, um nicht in unserer eigenen Nacht zu straucheln. Denn im Licht der Heiligen, das ja nur Gottes Licht in der Welt ist, sehen wir das LICHT.

(Aus: Hans Urs von Balthasar, Radiopredigt zu Allerheiligen „Gottes Heiligkeit bei uns")

 

 

Wenn sich der Künstler in seinem Atelier daheim fühlt, weil die Gemälde die Schöpfungen seines Geistes sind; wenn sich der Bildhauer inmitten seiner Statuen daheim fühlt, weil sie das Werk seiner eigenen Hände sind; wenn sich der Weinbauer inmitten seiner Weine daheim fühlt, weil er die Reben gepflanzr hat; und wenn sich der Vater inmitten seiner Kinder daheim fühlt, weil sie sein eigen sind, dann wird, so argumentiert die Welt, ganz sicherlich auch er, der die Welt erschaffen hat, in ihr ein Daheim haben.

Er kommt ja in die Welt wie ein Künstler in seine Werk- statt und wie ein Vater in sein Haus. Wenn aber der Schöpfer zu seinen Geschöpfen kommt und diese ihn nicht erkennen; wenn Gott zu den Seinigen kommt und die Seinigen ihn nicht aufnehmen; wenn Gott in seinem Eigentum heimatlos ist — dann konnte der grobsinnliche Menschenverstand zu dem Schluß kommen: Dieses Kindlein kann nie und nimmer Gott sein. Und gerade deshalb, weil der Mensch so denkt, verfehlt er Gott.

Die Gottheit ist immer dort, wo niemand darauf gefaßt ist, sie zu finden.

Fulton J. Sheen, Leben Jesu