Geistlicher Impuls

 

Januar 2019   Februar  2019

Glaube heißt, in Christus schauen „die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater". Wie das zu geschehen hat, sagt keine Regel. Scheuen wir uns aber nicht, konkret zu werden. Es kann sein, dass ein Begebnis der Schrift auf einmal ganz lebendig wird. Dann lese und denke ich nicht nur, sondern bin darin. Das Wort wird unmittelbar. Das einst Geschehene, das aber göttlich und darum ewig ist, wird gegenwärtig. Alles trägt sich neu zu. Der Herr steht da; ich bin vor IHM; ich sehe, erfahre, mein Herz brennt und ich weiß…

Es kann sein, dass mir zu irgendeiner Stunde aus einem Kruzifix der Herr aufleuchtet. Das ist doch der Sinn des heiligen Bildes, dass das geschehen könne. Nicht phantastisch, nicht visionär, sondern als Weiterstrahlung jener eigentlichen Epiphanie, die sich in der Geburt des Sohnes Gottes vollzog…

Es kann sein, dass ich betrachtend, gedenkend vor der Weihnachtskrippe weile, und mir gegeben wird, auf einmal vor der wirklichen Krippe zu sein und den „neugeborenen König" anzubeten. Tun wir solche Gedanken nicht zu leicht ab.

Was ist denn Glaube? Etwas Unabsehbares, das von der Mühsal des täglichen Gehorsams bis zur Anschauung im ewigen Lichte reicht. Dazwischen liegen aber viele Schritte: Schritte Gottes zu uns her, und Schritte des Menschen zu IHM hin…

Es kann sein, wir feiern die heilige Messe, und das „wahrhaftige und wesentliche Kommen Christi in die Gegenwärtigkeit des Brotes und Weines" wird uns zur Epiphanie, so dass wir innewerden: hier ist ER! So dass, wenn die Hostie uns „gezeigt" wird, und wir auf sie schauen, der Sinn dieses Zeigens und Erblickens sich erfüllt – und es steht ganz bei Gott, wie weit ER die Erfüllung reichen lassen will.

Romano Guardini: Eine Lehrrede zur Erscheinung des Herrn

 

 

Liebe Christen! Auch heute geht es für uns darum: Verstehen wir den Herrn? Verstehen wir Jesus? Wissen wir, was Er will? Folgen wir Ihm?

Wollen wir zu denen gehören, die ihr Reich hier auf Erden suchen? Christus sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt" (Joh 18.36). Wollen wir sein wie die Sadduzäer und unser Herz an Genuss hängen, an Wohlleben, an Bequemlichkeit, an Bildung? Dann werden wir wie sie dem Herrn verständnislos gegenüberstehen, und Er wird uns „eine Torheit" sein.

Sollen wir aber den Herrn verstehen – und das wollen wir doch! Oder nicht? Das wollt ihr doch alle, nicht wahr? Es hängt ja alles, alles davon ab, das wir verstehen, was Jesus will; dass uns die Augen dafür aufgehen, wer Er ist und wie all unser Heil bei Ihm ist, all unser Friede – dann, liebe Christen, müssen wir sein wir die Schlichten, Stillen, so wie Simeon und Hanna und Lazarus und die alle. Müssen mit offenem Herzen zu Ihm kommen; mit Begierde lesen die Heilige Schrift; mit Eifer hören, was von Ihm gesagt wird; gern bei Ihm sein und mit Verlangen bitten. Und immer, immer wieder bitten: „Herr, tu auf meine Augen auf, dass ich sehe, wer Du bist und was Du willst."

Dann wird auch uns einmal beschieden sein das unnennbare Glück, dass es uns so recht ins Herz hineindrängt, wer Jesus ist und was Er will.

Und so Gott will, können auch wir einmal die Worte sprechen, die jener selige alte Mann gesprochen, als der das Heilandskind auf den Armen hielt: „Meine Augen haben Dein Heil gesehen."

Aus: Romano Guardini: Predigt „Unser Verhältnis zu Jesus. Zum Fest Mariä Reinigung" (um 1920)