Geistlicher Impuls

 

November   Dezember

„Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren" (Gen 3,19) Alle Friedhöfe dieser Welt bestätigen unaufhörlich diese Worte. Seien es die Grabstätten, in denen Päpste, Bischöfe oder Priester ruhen, oder solche, an denen wir für unsere Lieben beten: für unsere Eltern und Geschwister, unsere Freunde und Wohltäter. Es gilt ebenso von den Friedhöfen, in denen die Großen und die Helden jeder Nation ruhen, wie von jenen, wo die einfachen Menschen begraben sind, vielleicht zuweilen vergessen und unbekannt, die niemanden mehr haben, der an Allerseelen eine Kerze auf ihrem Grab entzündet.

All diese Stätten der Welt, die nahen und die fernen, erreicht heute unser Gebet um den Frieden und das Licht für die Toten. Dieser Friede und das ewige Licht sind die Hoffnung der Menschen auf Erden. Friede und Licht sind Ausdruck für das Leben, in dem die Menschen bleiben werden, wenn sie dem Tod des Leibes entrissen sind. Dieser Friede und dieses Licht sind die Frucht des Geheimnisses der Menschwerdung Gottes, das wir jedes Mal beim Beten des Angelus betrachten.

Ich möchte euch besonders einladen, in euer Gebet für die Verstorbenen aller Zeiten und aller Orte die zahlreichen Opfer einzuschließen, die…die Gewalttätigkeit in ihren verschiedenen Formen gefordert hat.

Ich kann nur erneut mein tiefstes und entschiedenstes Bedauern über solche Verbrechen aussprechen, die zumal in letzter Zeit besonders schwerwiegende Formen angenommen haben und in der öffentlichen Meinung wachsende besorgniserregende Angst und Alarmstimmung hervorrufen…

Die Akte der Gewalt, ich wiederhole es, verdunkeln die menschlichen und die christlichen Wert der Person und sind ein ständiger Angriff auf das menschliche Zusammenleben.

Hl. Papst Johannes Paul II, Angelus am 1. November 1979

 

 

Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. (1. Thess 5,21)

Der Apostel Paulus beschließt den ersten Brief an die Thessalonicher mit einem Wunsch, ja, wir könnten sogar sagen mit einem Gebet. Der Inhalt des Gebets ist, dass sie in der Stunde des Kommens unseres Herrn heilig und untadelig seien. Das wichtigste Wort in diesem Gebet ist „Kommen". Wir müssen uns fragen: Was bedeutet „Kommen des Herrn"? Worin besteht dieses Kommen? Geht es uns etwas an oder nicht?

Es gibt nicht nur das endgültige Kommen des Herrn am Ende der Zeiten. In gewissem Sinne möchte der Herr durch uns Menschen ständig auf die Erde kommen, und er klopft an die Tür unseres Herzens: Bist du bereit, mir deine Zeit, dein Leben zu geben? Das ist die Stimme des Herrn, der auch in unsere Zeit eintreten möchte. Er sucht eine lebendige Wohnung, nämlich unser persönliches Leben. Das ist das Kommen des Herrn, und das wollen wir in der Adventszeit aufs Neue lernen.

Daher können wir sagen, dass dieses Gebet des Apostels Paulus eine grundlegende Wahrheit enthält, die er den Gläubigen der von ihm gegründeten Gemeinden einzuprägen versucht und die wir so zusammenfassen können: Gott beruft uns zur Gemeinschaft mit Ihm, die sich bei der Wiederkunft Christi vollkommen verwirklichen wird, und Er selbst verpflichtet sich, es so einzurichten, dass wir gut vorbereitet zu dieser letzten und entscheidenden Begegnung gelangen. Die Zukunft ist sozusagen schon in der Gegenwart enthalten, besser gesagt in der Gegenwart Gottes und Seiner unvergänglichen Liebe, die uns nicht allein lässt, uns keinen Augenblick verlässt, wie auch ein Vater und eine Mutter ihre Kinder in deren Wachstumsprozess ständig begleiten. Angesichts des Kommens Christi fühlt sich der Mensch in seinem ganzen Wesen angesprochen; der Apostel resümiert das in den Worten „Geist, Seele und Leib" und meint damit den gesamten Menschen als wohlstrukturierte Einheit von leiblicher, psychischer und spiritueller Dimension. Die Heiligung ist ein Geschenk Gottes und Seine eigene Initiative, aber das menschliche Wesen ist aufgefordert, dem mit seinem ganzen Ich zu entsprechen, ohne dass irgendetwas von ihm davon ausgeschlossen bleibe.

Und wir in der Menschheitsgeschichte das erste Kommen Christi im Mittelpunkt und Seine glorreiche Wiederkunft am Ende steht, so ist jede persönliche Existenz berufen, sich während der irdischen Pilgerreise an Ihm zu messen, um in der Stunde Seiner Rückkehr „in Ihm" gefunden zu werden.

(Papst Benedikt XVI.: Aus einer Predigt zur Vesper des ersten Adventssonntags 2005)