Geistlicher Impuls

 

Mai   Juni

Der Heilige Geist konfrontiert uns immer wieder mit der Frage, welchen Geist wir eigentlich atmen. Sind wir bloß mittelmäßig und durchschnittlich bloße Mitläufer unserer Zeit? Oder gehen wir unseren eigenen Weg, den Gott mit uns gehen möchte? - Der Geist unserer Zeit hat uns alle schon einmal gepackt. Wir sind zu einfachen Menschen geworden und haben mitgemacht. Der Geist der Zeit stellt uns vor die Frage: Was habe ich davon? Was nützt mir das? — Wer so denkt, ist ein Welt-Mensch. Er lebt das Leben im puren Egoismus und nennt seine Feinde seine „echten" Freunde. Am Ende ist der Egoist ganz allein und zerbricht am Egoismus. Was hat ihm der Egoismus gebracht? Nichts.

Der Heilige Geist ist der ganz andere. Er rafft uns auf und führt uns aus unserer Egozentrik in die Christozentrik. Er erleuchtet uns und schenkt uns die Wahrheit, die Christus ist. Der heilige Augustinus bezeichnet die Egozentrik des Menschen als seine Selbstverkrümmtheit („incurvatus in se ipsum") — aus diesem Ursprung führt uns der Geist heraus und macht uns geistfähig.

Der Heilige Geist lehrt uns die Botschaft seiner Liebe. Er führt uns ein in das Feuer Gottes, das uns antreibt diese Liebe weiterzuverschenken. Der Heilige Geist befreit uns aus der Engstirnigkeit eines Profitmaximierers und macht uns zum Gott—Maximieren Zum Glück sind wir dabei nicht allein. Wir kennen viele Vorbilder, die damit radikal Realität gemacht haben. Viele davon hat die Kirche selig oder heilig gesprochen. Sie erkennt an, dass in diesen Personen Gott auf ganz besondere Weise gewirkt hat. In den Seligen und Heiligen verehren wir darum auch keine Menschen, sondern den Geist, der ihr Leben auf Christus hin geleitet und gelenkt hat: den Heiligen Geist.

Der Heilige Geist ist auch der Geist, auf den die Kirche angewiesen ist. Nur wenn sie auf den Heiligen Geist horcht, kann sie lebendiges Zeichen und Werkzeug der Liebe Christi sein. Darum rufen wir vor jeder Taufe, Firmung und Weihe den Heiligen Geist an. Die Kirche lebt nicht aus „eigener Kraft". Sie lebt aus der Kraft des Heiligen Geistes. Von ihn nimmt die Kirche ihr „Charisma", ihre Gnadengaben. Der Heilige Geist ist es, der die Jünger Christi vor nach dem Tod Christi im Abendmahlssaal zusammenführte und auch noch heute die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen, im Amt der Leitung vereint.

 

 

PETRUS LIEBEN

Die Berufung (des Petrus) ist Antwort auf die Frage: »Liebst du mich? Liebst du den Herrn ganz tief und bist du bereit, kraft dieser Liebe. . . Verantwortung für andere zu übernehmen ?«. . .

Wer Petrus liebt und ihn als Geschenk des Herrn begreift, legt den Sinn seiner Anordnungen in Freiheit des Geistes richtig aus, sieht, wie sich in ihnen die Förderung der Liebe vollzieht, und gehorcht daher in Liebe. Und wie man zur richtigen Auslegung der Bibel Mühe, Aufmerksamkeit, Klugheit und Unterscheidungsgabe braucht, da man sich sowohl durch ein Zuviel wie auch durch ein Zuwenig irren kann, so ist dieselbe Haltung auch zur Auslegung einer Entscheidung des Lehramtes oder eines Konzils oder anderer Verfügungen der kirchlichen Autorität erforderlich. Denn wie man sich vor einem unbeweglichen Geist —der alles unkritisch oder blind hinnimmt, ohne Absicht und Anlaß dessen zu erfassen, was angeordnet wird — hüten muss, müssen wir uns vor einem lauen — der nur nach dem greift, was ihm gefällt, und ablehnt oder ignoriert, was ihm nicht passt — in acht nehmen. Gerade in der heutigen Zeit sollten wir inständig um ein offenes, wahrhaft freies Herz beten. Dies setzt eine Sicht des Glaubens voraus, die uns bis zu Jesus selbst hinführt und uns zu der Treue anhält, die wir ihm schulden.

Das Petrusamt bringt Prüfungen mit sich. Daraus folgt für die Gemeinde, die diesem Evangelium Gehör schenkt, dass sie Petrus in Zeiten der Schwierigkeiten nicht verlassen darf. Halten wir bei ihm aus, damit auch hier Jesu Wort an die Seinen in Erfüllung geht: »In all meinen Prüfungen habt ihr bei mir ausgeharrt« (Lk 22,28). Denken wir daran, wie in der Urkirche, als Petrus in Haft war und seine Verurteilung durch ein menschliches Gericht erwartete, »die Gemeinde inständig für ihn zu Gott betete« (Apg 12,5).

Carlo M. Martini, „Christus entgegengehen. Meditationen für jeden Tag".