Geistlicher Impuls

 

Juni   Juli / August

Jesus, der von seinem Vater kommt, der uns den Vater verkündet und zum Vater zurückkehrt und nunmehr ewig in IHM lebt: dies ist aber nicht ein großartiges Schauspiel vorne auf der Bühne – und wir sitzen im Zuschauerraum dieser Welt, davon fasziniert und getröstet, aber eben doch getrennt, in unserem eigenen Lebensraum, im Dunkel dahinter, während vorne die Bühne erleuchtet ist. Nein dieses Wort Jesu „Ich bin in meinem Vater" ist nicht nur seine, es ist unsere Geschichte. Um beim Bild vom Theater zu bleiben: wir sitzen nicht bloß im Zuschauraum, sondern wir sind mit auf der Bühne, denn wir sind in Jesus drinnen. Dies ist doch der zweite Satz, der unabdingbar zum ersten dazugehört: „Ihr seid in mir."

Jesus hat unser Fleisch angenommen. Er hat unser Leben zu seinem Leben, unsere Sorgen zu seinen Sorgen, unsere Fragen zu seinen Fragen, unseren Tod zu seinem Tod gemacht. Er hat uns, uns so, wie wir sind, in sich hineingenommen und trägt uns in sich hin zum Vater. Nie mehr können wir Gott begegnen, ohne in ihm uns selbst zu finden; denn Jesus ist im Vater, und in Jesus sind auch wir hineingenommen in diesen Vater. Inkarnation, Menschwerdung des Wortes ist keine einmalige Episode, sie ist das bleibende und ganze Ja Gottes zur Menschheit. Indem das Wort einmal Fleisch wird, hat es uns, hat es alle Menschen in sich hineingenommen, und so sind wir in IHM in alle Ewigkeit.

Uns, unsere armselige Wirklichkeit, unseren Alltag ergreift er im Geist, in uns und durch uns will er hinein in die Welt, in die Geschichte. Indem wir ihn bezeugen dürfen, ist er aber nicht nur wie eine Ware, die wir verkaufen, sondern er ist unser eigenstes, innerstes Geheimnis, er lebt in uns, er ist inwendiger in uns als wir selber, größer und mächtiger in uns als wir selber. Er ist die Mitte unseres Lebens, die Achse, um die unser Dasein schwingt. Er ist es, von dem wir leben können, er ist es, der uns von innen trägt und begleitet und erfüllt. Und so ist er es auch, den wir, uns selber gebend, den anderen, der Welt bringen dürfen.

(aus: Bischof Kaus Hemmerle: Das Wort für uns. Meditationen; Freiburg 1976, 51-53)

 

 

Als er etwa 25 Jahre alt war, hatte er die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers" gelesen. Das kleine Buch propagiert die ostkirchliche Tradition des „Jesusgebetes", das in immer gleichem Rhythmus die Bitte des Blinden von Jericho (Mk 1048) wiederholt:

 

Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!

 

Bei der Lektüre wurde ihm klar, dass es in der Privatfrömmigkeit der Westkirche seltsamerweise fast kein festes und allgemein übliches Gebet gibt, dass sich unmittelbar an Jesus richtet. Das Buch hat ihn damals sehr angesprochen, weil es nicht instruiert, sondern erzählt. Es beginnt so:

 

Ich, nach der Gnade Gottes ein Christenmensch, meinen Werken nach ein großer Sünder, meiner Berufung nach ein heimatloser Pilger und niedersten Standes, pilgere von Ort zu Ort. Folgendes ist meine Habe: auf dem Rücken trage ich einen Beutel mit trockenem Brot und auf der Brust die Heilige Bibel; das ist alles. In der vierundzwanzigsten Woche nach dem Fest der Dreifaltigkeit kam ich in eine Kirche zur Messe, um dort zu beten; gelesen wurde aus der Epistel an die Thessalonicher im fünften Kapitel der siebzehnte Vers; der lautet: Betet ohne Unterlass. Dieses Wort prägte sich mir besonders ein, und ich begann darüber nachzudenken, wie man wohl ohne Unterlass beten könne, wenn doch ein jeder Mensch auch andere Dinge verrichten muss, um sein Leben zu erhalten. Ich schlug in der Bibel nach und sah dort mit eigenen Augen dasselbe, was ich gehört hatte, und zwar, dass man ohne Unterlass beten, bei allem Gebet und Flehen allezeit im Geiste beten und darin wachsen muss in Ausdauer und allerorts mit zum Gebet erhobenen Händen. Ich dachte viel darüber nach, wusste aber nicht, wie das zu deuten sei.

 

Im Folgenden wird dann erzählt, wie der Pilger immer weiterzieht und zum unablässigen Gebet findet.

 

Nachdem er das „Pilgerleben" mit großer Neugier und Faszination gelesen hatte, hat er selbst das „Jesusgebet" versucht, es bald aber wieder aufgegeben. Doch kehrte es von Zeit zu Zeit wieder, jetzt betet er es oft. Es gibt am Tag viele Gelegenheiten, bei denen man diesen Gebetsruf immer von neuem wiederholen kann. Er reduziert die vielen Worte, die wir oft vor Gott machen, auf einen einzigen Satz. Er schafft in den verschachtelten Räumen unserer Welt einen Raum, der ganz einfach ist und uns mit Jesus verbindet.

 

(aus: Gerhard Lohfink: Beten schenkt Heimat. Theologie und Praxis des christlichen Gebets; Freiburg i. Br. 2010. Im Kapitel: Jeder hat seine eigene Gebetsgeschichte, 251-252)