Geistlicher Impuls

 

Juni   Juli / August

PETRUS LIEBEN

Die Berufung (des Petrus) ist Antwort auf die Frage: »Liebst du mich? Liebst du den Herrn ganz tief und bist du bereit, kraft dieser Liebe. . . Verantwortung für andere zu übernehmen ?«. . .

Wer Petrus liebt und ihn als Geschenk des Herrn begreift, legt den Sinn seiner Anordnungen in Freiheit des Geistes richtig aus, sieht, wie sich in ihnen die Förderung der Liebe vollzieht, und gehorcht daher in Liebe. Und wie man zur richtigen Auslegung der Bibel Mühe, Aufmerksamkeit, Klugheit und Unterscheidungsgabe braucht, da man sich sowohl durch ein Zuviel wie auch durch ein Zuwenig irren kann, so ist dieselbe Haltung auch zur Auslegung einer Entscheidung des Lehramtes oder eines Konzils oder anderer Verfügungen der kirchlichen Autorität erforderlich. Denn wie man sich vor einem unbeweglichen Geist —der alles unkritisch oder blind hinnimmt, ohne Absicht und Anlaß dessen zu erfassen, was angeordnet wird — hüten muss, müssen wir uns vor einem lauen — der nur nach dem greift, was ihm gefällt, und ablehnt oder ignoriert, was ihm nicht passt — in acht nehmen. Gerade in der heutigen Zeit sollten wir inständig um ein offenes, wahrhaft freies Herz beten. Dies setzt eine Sicht des Glaubens voraus, die uns bis zu Jesus selbst hinführt und uns zu der Treue anhält, die wir ihm schulden.

Das Petrusamt bringt Prüfungen mit sich. Daraus folgt für die Gemeinde, die diesem Evangelium Gehör schenkt, dass sie Petrus in Zeiten der Schwierigkeiten nicht verlassen darf. Halten wir bei ihm aus, damit auch hier Jesu Wort an die Seinen in Erfüllung geht: »In all meinen Prüfungen habt ihr bei mir ausgeharrt« (Lk 22,28). Denken wir daran, wie in der Urkirche, als Petrus in Haft war und seine Verurteilung durch ein menschliches Gericht erwartete, »die Gemeinde inständig für ihn zu Gott betete« (Apg 12,5).

Carlo M. Martini, „Christus entgegengehen. Meditationen für jeden Tag".

 

 

Um Solidarität von innen heraus zu wahren, sind die Pole Individualität und Gemeinschaft zu beachten. Jeder Einzelne hat seine Würde, die zu achten ist. In einem sozialen Kontext muss sich der Einzelne für das Ganze verantwortlich wissen; er muss die anderen ernst nehmen, ihre Vorstellungen und ihre Bedürfnisse. Eine solidarische Gemeinschaft ist kein graues Einerlei. Vielmehr ist sie ein buntes Mosaik, in dem jeder seine Farbe und seinen wichtigen Platz hat.

Solidarität wahrt die Persönlichkeit jedes Einzelnen, aber auch die Gemeinschaft, die tiefe Verbindung untereinander. Sie ist keine Ansammlung von Individuen, die nur gezwungenermaßen beieinander bleiben. Ein Zusammenleben kann auch zum Martyrium werden, oder zu einem äußerlichen Miteinander mit ständigen Streitereien. Man denke an viele Personen in Werken Kafkas: Sie leben zwar unter demselben Dach, aber in engen, eingeengten Räumen, verwundet, vom Leid geprägt; sie können sich fot nicht ertragen, möchten ausbrechen, sind aber wie Gefangene.

Menschen brauchen die Gemeinschaft, sie brauchen gegenseitige Achtung und Hilfe, aber dies darf nicht zur Bevormundung oder zu einem falschen, übertriebenen Umsorgt-Werden führen, das die Freiheit und Selbständigkeit des Einzelnen mehr als nötig einschränkt.

In der Geschichte der Christen gibt es viele Beispiele gelebter Solidarität; wenigstens einige seien hier genannt: Martin von Tours, Franz von Assisi, Hieronymus Ämiliani, Johannes von Gott, Camillus von Lellis, Vinzenz von Paul, Don Bosco, Mutter Teresa von Kalkutta…

Wie ein goldener Faden zieht sich die solidarische Nächstenliebe durch die Geschichte. Sie gründet immer auf der selbstlosen, uneigennützigen Achtung vor dem anderen, wer dieser auch sei.

„Wo dies geschieht", schreibt Paulus in Kol 3,11, „da gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Fremde oder Skythen…"

Liebevolle Achtung vor dem anderen, so könnte man die Solidarität umschreiben.

Gianfranco Card. Ravasi: Über die Liebe. Biblische Weisheit und menschliche Erfahrung, München 2007, 98.