Geistlicher Impuls

 

Juni   Juli / August

Wenn die Kirche um die sieben Gaben des Heiligen Geistes betet, dann sie nimmt sie eine Schilderung des Propheten Jesaja als Grundlage. Der Prophet spricht im elften Kapitel von dem kommenden Heiland. Er nennt ihn dort das Reis aus der Wurzel Isais, wie wir es an Weihnachten singen. Auf diesem Retter wird der Geist des Herrn ruhen. Um die Fülle des Geistes zu beschreiben, nennt nun Jesaja zunächst sechs Gaben: den Geist der Weisheit und des Verstandes, den Geist des Rates und der Stärke, den Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Mit diesen Gaben ist alles aufgenommen, was das Alte Testament von einem Gerechten, von einem Gott wohlgefälligen Menschen zu sagen hatte. Es sind außerdem jene Gaben, die besonders ein König nötig hat. Der kommende Messias ist demnach durch den Geist Gottes selbst ausgerüstet zu seinem Amt als Hirte des Volkes.

Aus diesen sechs Gaben wurden dann bereits sehr früh sieben. Zu der Gottesfurcht fügte man die Frömmigkeit hinzu. Dabei aber ist nicht zuerst an das rechte Verhalten gegen Gott gedacht, sondern an das Verhalten des gottesfürchtigen Menschen, vor allem des Fürsten, gegen den anderen. Wir müssten heute vielleicht „wohlwollende Gesinnung" dafür einsetzen oder – recht verstanden – „Milde".

So sind die sieben Gaben zunächst eine Schilderung der Gnadenfülle Christi. Daher ist es etwas Großartiges und eigentlich Kühnes, wenn die Kirche uns um diese Gaben beten heißt. Denn wir beten ja dann um nichts Geringeres als um die Ähnlichkeit mit Christus, und wir dürfen das nur, weil wir in Ihm zu einem königlichen Priestertum berufen sind.

Von hier aus erscheint es doch ein wenig kümmerlich, wen wir den Heiligen Geist hauptsächlich vor einem Examen anrufen. So als ob Seine erste Aufgabe wäre, uns das bisschen „Verstand" dafür zu verleihen! So als ob unser Christsein hauptsächlich eine Hilfe für die ordentliche und erfolgreiche Erledigung unserer beruflichen Pflichten wäre!

Nein, es ist schon mehr, was die Kirche vom Heiligen Geist erfleht, es sind die „Berufsgnaden" für ein neues Leben, nämlich für das Leben der Gotteskinder.

Alfred Kardinal Bengsch

 

 

O mein Herr, wie kann ich aussprechen, dass Du alles in allem  bist, ob ich will oder nicht? Müsste ich es nicht von ganzem Herzen wünschen? Wer kann mir Glückseligkeit geben außer Dir? Wenn ich alle Freuden der Zeit und der Sinne um mich hätte, wie ich sie jetzt habe, würden sie mich nicht im Laufe der Jahre und Jahrhunderte ermüden? Wenn diese Welt ewig dauerte, könnte sie mir ewig die Nahrung der Seele sein? Gibt  es etwas Erschaffenes auf Erden, das mich nicht zuletzt langweilte? Lieben die Greise noch, was sie in der Jugend geliebt

haben? Ist die Welt nicht in beständigem Wechsel?

 

Ich bin sicher, o mein Gott, dass die Zeit käme, wenn auch noch so entfernt, in der alle Freuden der Erde erschöpft wären und ich nach neuen verlangte. Du allein, o mein Herr, bist die ewige Nahrung meiner Seele. Du allein kannst die Menschenseele erfüllen und befriedigen. Die Ewigkeit wäre langweilig und armselig ohne Dich. Dich sehen, Dich anschauen, Dich betrachten ist die unerschöpfliche Freude der Ewigkeit. Du bist die Wahrheit ohne jede Veränderung, aber Du birgst in Dir immer neue, wunderbare Tiefen und immer neue Seiten eindringender Betrachtung. Wir fangen immer von neuem an, Dich zu betrachten, wie wenn wir Dich nie gesehen hätten.

 

In der Deiner Gegenwart sind die ewigen Sturzbäche der Freuden, die derjenige immer tiefer in sich hineintrinkt, der Dich einmal verkostet hat. Das, o Herr, ist mein Anteil auf immer

und ewig.

 

Aber wie weit bin ich noch davon entfernt, dieser kleinen Erkenntnis entsprechend zu handeln? Gib mir, o Vater, die Gnade und zieh mich aus meiner Trägheit und Kälte und lass mich mit ganzem Herzen Dich allein ersehnen und erhoffen.

 

John Henry Card. Newman