Geistlicher Impuls

 

September   Oktober

Was fällt uns spontan ein, wenn wir „Kirche“ hören? Gebäude, Institution, Sonntagsmesse, Kirchensteuer, Papst, Gebote und Verbote, Dogmen und Erlasse, Kindergärten und Krankenhäuser, vielleicht noch Vereine und Pfarrgemeinderäte. Zweifellos, das gehört dazu. Aber alles das wird einmal nicht mehr sein. Wenn wir uns nur dafür einsetzen, dann setzen wir uns nicht für das ein, was bleibt.

 

Paulus fragt im 1. Korintherbrief, welche Dienste und Gaben, welche Funktionen und welche Erweise des Geistes zur Kirche gehören, und er mahnt, gerade das Unscheinbare, leicht nur als zweitrangig Geltende nicht zu verachten. Aber noch leidenschaftlicher weist er auf etwas anderes hin: Erkenntnis, die Geheimnisse durchdringt, Glaubenskraft, die Berge versetzt, Hingabe, die sich selbst verzehrt, nützen, für sich allein genommen, letztlich nichts; alles das nimmt ein Ende. Allein die Liebe bleibt (vgl. 1 Kor 12 und 13).

 

Und wir dürfen hinzusagen: Amt, Sakramente, Verkündigung, Institutionen sind unabdingbar, solange die Kirche auf dem Weg durch die Zeit ist, ohne das könnte sie nicht leben. Und doch wird es vergehen, es ist nur vorläufig, es ist Gerüst, nicht Bau.

 

Am Ende, so lesen wir wiederum im 1. Korintherbrief, wird nur noch sein: Gott alles in allem (1 Kor 15,28). Gott in seiner ganzen Fülle wird offenbar sein als das Licht, in dem wir alles sehen, als die Quelle, aus der alles entspringt, als die Seligkeit, die alles erfüllt, als die Atmosphäre, in der alles lebt. Nichts wird uns von ihm trennen, nichts wird seine Nähe mehr brechen, er wird allem und allen der Nächste sein. Er in einem jeden, er über allem, er zwischen allem. Aber gerade so werden wir und werden die Dinge nicht verlöschen; nichts wird untergehen in Gott, sondern alles aufgehen in IHM.

 

Genau das meint Herrschaft Gottes, Reich Gottes. Vom Reich Gottes sprechen alle Gleichnisse Jesu. Nur um dieses Reiches willen hat auch die Kirche ihren Sinn. Sie ist der Lebensraum inmitten der Geschichte, in welchem schon jetzt dieses Reich sich bezeugt, ja in dem es anhebt.

 

Klaus Hemmerle (1975-1994 Bischof von Aachen)

 

 

Zum Rosenkranzmonat Oktober

 

Nach dem Lukasevangelium (1,28) grüßt der Engel die Jungfrau Maria, indem er ihr sagt, sie sei die Begnadete. „Gnade“ meint etwas, das, von Gott ausgehend, uns Menschen berührt und verwandelt, sofern wir uns dafür öffnen.

 

Was Gnade heißt, kann man daran anschaulich machen, wie eine  Mutter ihrem Kind begegnet. Der Blick der Mutter, ihre Worte, ihre Gaben erfreuen das Kind und lassen es frei und  röhlich sein in der Geborgenheit und geborgen in der frohen Freiheit. Das ist eine grundlegende Erfahrung für das Kind, so grundlegend, dass sie grundlegend bleibt für den Menschen, so dass er sie sein Leben lang nie ganz vergisst. Man kann sie zwar verdrängen und verstellen, aber sie wird immer wieder auftauchen. Es gibt es etwas wie ein nicht ganz verlierbares Heimweh danach, das Menschen zu begleiten pflegt, solange sie leben. Heimweh nach einer umfangenden Macht, die des Belastenden und des Schmerzlichen nicht mehr gedenkt und die Geborgenheit schenkt in der Freiheit.

 

So ist gerade auch Mütterlichkeit ein tiefes Bild der göttlichen Gabe der Gnade. Darum sehen wir das Bild der Mutter mit dem Kind gerne an, wo immer wir ihm auf Plätzen oder in Kirchen begegnen. Bisweilen spricht es zu uns gerade dann, wenn das Leben uns im Übrigen hart und misstrauisch gemacht hat.

 

An solchen Bildern kann man ablesen, was damit gesagt sein will, dass Gott uns Gnade entgegen bringt. Dies lässt sich an der Ausstrahlung des Weiblichen besonders deutlich erfahren. Und darum darf Maria voll der Gnade genannt werden, weil in ihr auf eine ausgezeichnete Weise das zum Ausdruck kommt, was Gott uns in Jesus, dem Sohne Mariens, eröffnet hat, wie Er uns in Jesus versöhnen und erneuern will.

 

(Aus: Bernhard Welte, Maria die Mutter Jesu. Meditationen)