Geistlicher Impuls

 

Mai   Juni

Der elfenbeinerne Turm

Der Turm ist ein Bauwerk, das andere Gebäude überragt und von besonderer Bedeutung ist. Der Vergleich wird oft auf Personen angewandt, die sich hoch über ihre Umgebung erheben. Diese Eigenschaft kommt mit Recht der allerseligsten Jungfrau zu. Obwohl sie in der Passion des Herrn unendlich viel mehr gelitten hat als die Apostel, weil sie eben die Mutter des Herrn war, zeigte sie sich ebenso erhaben über ihre Kleinheit und ihren Wankelmut.

In der Todesnot des Herrn im Ölgarten schliefen die Apostel entmutigt ein. Sie kämpften nicht gegen ihre Ermattung und ließen ihren schwächlichen Gefühlen freien Lauf. Ja, der Fürst der Apostel verleugnete IHN vor den Soldaten und der Türhüterin, obwohl er noch einige Stunden vorher großsprecherisch gesagt hatte, er werde mit dem Herrn durch Not und Tod gehen. Aber auch die anderen Apostel verließen ihren Meister in der Stunde der Gefahr, nur Johannes, der Lieblingsjünger ausgenommen.

Wie ganz anders zeigt sich da der Mut und die Aufopferung der Frauen, einer heiligen Maria Magdalena und besonders der allerseligsten Jungfrau. Es wird ausdrücklich hervorgehoben, dass die Mutter aufrecht am Fuße des Kreuzes stand. Sie glitt nicht zur Erde, sondern blieb standhaft und aufrecht, um die Schläge und die Herzensqualen in sich aufzunehmen, welche die lange Passion ihres Sohnes jeden Augenblick von neuem ihr zufügte.

Diese wahrhaft erhabene Seelengröße, ja Heldenhaftigkeit im Leiden wird im Vergleich mit den Aposteln mit Recht „turmhoch" genannt. Türme sind zwar schwer, massig und ohne Anmut aufgeführte Bauwerke, die dem Krieg und nicht dem Frieden dienen sollen, die darum nichts von der Schönheit und Anmut haben, die wir als Vorzüge Mariens kennen. Darum wird sie eben „elfenbeinerner" Turm genannt, um dadurch das Glänzende, das Reine und Anmutige, den Reiz ihrer Tugenden und die Süße ihres heiligen Wesens zu bezeichnen.

Weil sie Stärke und Anmut, überragende Größe und demütige Bescheidenheit verband, ist dieser Ehrentitel gerechtfertigt.

Aus: John Henry Kardinal Newman: Der Maimonat. Betrachtungen an Hand der Lauretanischen Litanei, Köln 1954, 66-67.

 

 

Jesus, der von seinem Vater kommt, der uns den Vater verkündet und zum Vater zurückkehrt und nunmehr ewig in IHM lebt: dies ist aber nicht ein großartiges Schauspiel vorne auf der Bühne – und wir sitzen im Zuschauerraum dieser Welt, davon fasziniert und getröstet, aber eben doch getrennt, in unserem eigenen Lebensraum, im Dunkel dahinter, während vorne die Bühne erleuchtet ist. Nein dieses Wort Jesu „Ich bin in meinem Vater" ist nicht nur seine, es ist unsere Geschichte. Um beim Bild vom Theater zu bleiben: wir sitzen nicht bloß im Zuschauraum, sondern wir sind mit auf der Bühne, denn wir sind in Jesus drinnen. Dies ist doch der zweite Satz, der unabdingbar zum ersten dazugehört: „Ihr seid in mir."

Jesus hat unser Fleisch angenommen. Er hat unser Leben zu seinem Leben, unsere Sorgen zu seinen Sorgen, unsere Fragen zu seinen Fragen, unseren Tod zu seinem Tod gemacht. Er hat uns, uns so, wie wir sind, in sich hineingenommen und trägt uns in sich hin zum Vater. Nie mehr können wir Gott begegnen, ohne in ihm uns selbst zu finden; denn Jesus ist im Vater, und in Jesus sind auch wir hineingenommen in diesen Vater. Inkarnation, Menschwerdung des Wortes ist keine einmalige Episode, sie ist das bleibende und ganze Ja Gottes zur Menschheit. Indem das Wort einmal Fleisch wird, hat es uns, hat es alle Menschen in sich hineingenommen, und so sind wir in IHM in alle Ewigkeit.

Uns, unsere armselige Wirklichkeit, unseren Alltag ergreift er im Geist, in uns und durch uns will er hinein in die Welt, in die Geschichte. Indem wir ihn bezeugen dürfen, ist er aber nicht nur wie eine Ware, die wir verkaufen, sondern er ist unser eigenstes, innerstes Geheimnis, er lebt in uns, er ist inwendiger in uns als wir selber, größer und mächtiger in uns als wir selber. Er ist die Mitte unseres Lebens, die Achse, um die unser Dasein schwingt. Er ist es, von dem wir leben können, er ist es, der uns von innen trägt und begleitet und erfüllt. Und so ist er es auch, den wir, uns selber gebend, den anderen, der Welt bringen dürfen.

(aus: Bischof Kaus Hemmerle: Das Wort für uns. Meditationen; Freiburg 1976, 51-53)